Corinna
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Corinna aus Grainau ist irgendwann mal auf meiner Homepage gelandet, hat einen Briefkontakt begonnen und nun “ihren” Gefangenen besucht. Ihre Brieffreundschaft mit Ricardo besteht jetzt seit ca. 1,5 Jahren. Ende Juli ist sie nach Texas geflogen, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Sie schildert hier ihre Erfahrungen, die sie bei ihrem Besuch drüben gemacht hat. Mein Dank an Corinna, dass sie uns daran teilhaben lässt.

“Als ich Ricardo im Februar 2005 kennen lernte, hätte ich nicht gedacht, dass diese Freundschaft so schnell derart intensiv werden würde und sicher nie, dass sie mich mal nach Texas führen würde. Aber genau dazu ist es gekommen: vor zwei Wochen bin ich aus meinem 16-tägigen Texas "Urlaub" zurückgekommen, den ich bei einer Familie verbracht habe, die ich zuvor weder gesehen noch gesprochen hatte. Ricardo und seine Familie hatten mich eingeladen.

Wir hatten sehr schöne Besuche - den Umständen entsprechend, selbstverständlich. Alles in Allem hatten wir 12h miteinander - einen special visit (zwei tage hintereinander je 4h) + zwei regular visits (je 2h), aber sie gingen vorüber wie ein paar Minuten.

Der erste Besuch war zu Anfang etwas angespannt, zuerst war man sich fremd, - musste seinen Freund erstmal in seinem Gegenüber wiederfinden, aber schon bald war es wie in den Briefen, wir kannten uns, lachten miteinander und redeten über alles mögliche.

Am Donnerstag, den 3. 8., als ich ihn besuchen kam, wurde gerade eine Hinrichtung vorbereitet, sie fand am Abend des selben Tages statt. Man hat davon zwar nicht wirklich viel mitbekommen, weil der Gefangene für die Hinrichtung von Livingston nach Huntsville transportiert wird, aber als der Officer es uns gesagt hat, war es schon ziemlich krass, denn das war eine Situation, wo man wirklich damit konfrontiert wurde, dass es ein Todestrakt ist.

Sonst hat mich die ganze Stimmung eher überrascht... natürlich ist es hart, Ricardo in den engen Handschellen, von zwei Officern eskortiert, zu sehn, die kleinen Käfige in dem die Gefangenen sitzen, - aber dennoch haben wir meistens gelacht und uns gut unterhalten - keine Grabesstimmung, wie ich dachte. Nur das große "DR" für "death row" auf den Besucherschildern und der Kleidung der Gefangen erinnert einen ständig daran, was die meisten von ihnen alle erwarten wird.

Der Abschied war mehr als hart, alle wollen für mich sparen, dass ich bald wieder kommen kann - sogar Ricardo, aber ich habe ihm gesagt, er solle sein Geld lieber für seine Anwälte ausgeben, ich würde sicher wiederkommen. Er will mich bei seiner Hinrichtung dabei haben, meinte er und ich sagte, ich würde kommen.

Es war ein unglaubliches Abenteuer und ich brauchte einige Zeit, um alles verarbeiten zu können. Ich kannte die Leute schließlich nur aus Ricardos Erzählungen, und auf einmal standen sie vor mir! Und die Begegnung mit ihm war natürlich auch eine unglaubliche Erfahrung.

Ich hoffe ich kann bald wieder nach dorthin zurück und bin froh, dass ich mich für dieses Abenteuer entschieden habe!

Update Januar 2008 - was bisher geschah:

Ricardo und ich schreiben uns immer noch, natürlich. Allerdings momentan in größeren Abständen. Er ist sehr mit seinem Fall beschäftigt - das dritte Gnadengesuch und damit seine letzte Chance, die Hinrichtung abzuwenden, läuft. Leider ist er ziemlich der Willkür des Richters ausgeliefert, der - Ricardos Aussage nach - den Zeitpunkt, wann er entscheidet, ob der Fall überhaupt ein 3. Mal bearbeitet wird, frei bestimmen kann.

 Auch in seiner Familie gab es mehr als einen Todesfall zu beklagen und eine ungewollte Schwangerschaft eines minderjährigen Familienmitglieds, die natürlich von ihm und allen Angehörigen unterstützt wird, aber wie man sich vorstellen, kann zusätzliche psychische und finanzielle Belastung bedeutet.

Momentan geht es ihm gut, er hatte jedoch auch schwere Zeiten zu überstehen in dem letzten Jahr, in denen er zwar nie aufgeben wollte, aber doch manchmal keinen Lichtblick mehr zu erleben glaubte. Ich habe das Gefühl, dass er in der Zeit, in der wir uns jetzt kennen, noch aufgeschlossener und mutiger geworden ist. Er hat mittlerweile noch ein paar Kontakte mehr zur "Außenwelt", anscheinend ist eine Homepage in Arbeit und er arbeitet unentwegt an seinen Zeichnungen, die er als Glückwunschkarten verkaufen lässt.

Mein nächster Besuch steht leider neben dem Geld auch aus Zeitgründen (Studium) noch nicht in unmittelbarer Nähe, aber in einer der beiden nächsten Semesterferien werde ich versuchen, es zu realisieren...

Corinna

 

 

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