Holzis Freund
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In vielen Gesprächen, die ich über das Thema Todesstrafe führe, kommt irgendwann die Frage „Hast Du denn auch einen Brieffreund im Todestrakt?“ Eine Frage, die ich inzwischen mit Ja beantworten kann. Obwohl, so natürlich ist das auch nicht. Als ich damals angefangen habe, mich in der Todesstrafengruppe bei amnesty zu engagieren, war ich beeindruckt. Beeindruckt von den jungen Mädchen dort, die einen Brieffreund im Todestrakt hatten, ihn teilweise besuchten und voller Engagement für ihn kämpften. Irgendwie war das natürlich „toll“ – aber irgendwie hatte ich auch meine Bedenken. Würde mein verrostetes Schulenglisch ausreichen? Hätte ich den Nerv, statt einer Email mal wieder einen Brief zu schreiben – und das regelmäßig? Denn Ja, in dieser Hinsicht bin ich bequem geworden. Und zu guter letzt – was würde passieren, wenn dieser Freund eines Tages „seinen Termin“ kriegt, gar wirklich hingerichtet wird. Würde ich das verkraften? Will ich mir das zumuten?

Nun, irgendwann war ich soweit, die Zweifel schwanden und ich begann meinen ersten Briefkontakt.

Der erste Brief war verdammt schwierig. Ich hatte die Adresse eines jungen Schwarzen bekommen, ein gewisser Robert, Ende 20, dazu hatte ich mir ein paar Angaben über ihn und seine Tat aus dem Internet gesucht. Was ich noch wusste – er war zum Islam übergetreten. Nun, was schreibt man beim ersten Brief?

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung mehr, aber irgendwie kam der erste Brief zustande, der Kontakt lief so. In jedem Brief erklärte mir Robert lang und breit die Black Power, „referierte“ über die Unterdrückung der Schwarzen in Amerika. Auf Dauer irgendwie schwierig. Irgendwann kam die Frage, ob ich ihm nicht junge Frauen vermitteln könnte, eventuell auch eine, die ihn heiraten wollte. Hm, bin ich ein Heiratsinstitut? Ich glaube nein. Es gab dann noch ein paar komische Situationen und irgendwann antwortete er mir nicht mehr auf meine Briefe. Okay, so kann es auch laufen.

Doch viel häufiger sind die anderen Erfahrungen. Also, ein zweiter Versuch. Nun habe ich wieder einen Brieffreund, mittlerweile schon einige Monate. Michael heißt er, ein Weißer, 44 Jahre, aus San Antonio stammend – und ganz anders als Robert.
Seine ganze Art zu schreiben, sein unglaublicher Optimismus, sein Allgemeinwissen – ein Amerikaner, der so ganz und gar nicht zu den ungebildeten Amis zählt, die man sich so klischeehaft vorstellt.

Seine ersten Fragen zum Thema Freiburg waren z. B. warum der Schwarzwald Schwarzwald heißt, ob bei uns nicht die Porsche gebaut werden würde, wie das mit dem Grenzverkehr in die Schweiz und nach Frankreich ist. Michael interessiert sich sehr für Sport, Politik, Religion und Geschichte - und ganz besonders Essen.

Die Verpflegung im Todestrakt ist ja nun nicht gerade biologisch-wertvoll, sondern eher auf Fastfood ausgelegt. In fast jedem Brief fragt er witzigerweise nach Essensgewohnheiten. Ob ich beispielsweise schon in Griechenland war, die hätten doch so leckeres Essen dort. Oder was ich in Frankreich einkaufe. Oder wie der Schweizer Käse schmeckt. Man merkt schon, für jemanden, der gerne isst, wird die Zeit im Todestrakt nicht nur in dieser Hinsicht alles andere als einfach.

Gleich zu Beginn hat er mir einige Postkarten aus seiner Heimat geschickt. Er hat mir von seinen früheren Jobs erzählt, von seiner Familie, wo sie leben und welche Beziehung er noch zu ihr hat. Erfreulicherweise hat er noch einen sehr guten Draht zu ihnen. Er bekommt jede Woche 4-5 Briefe, er erhält 2 Sportzeitungen pro Woche von seiner Familie geschickt, ist also relativ gut informiert. Als wir ein Mal über das Thema Musik und Filme gesprochen haben, hat er sich doch glatt entschuldigt, dass er die Filme der letzen Jahre nicht sehen konnte. Da war ich irgendwie baff. Ansonsten sind seine Briefe ganz unglaublich. Eine Handschrift, die es in sich hat (er könnte Arzt sein), und selten unter 5 Seiten. Und immer wieder Andeutungen über seine Tat, die er selber als den größten Fehler seines Lebens bezeichnet. Anfangs wusste ich nicht genau, was er getan hat - aber da habe ich ihm Zeit gelassen, denn das ist seine Sache. Einige grobe Informationen habe ich mir aus dem Internet gezogen – wobei es mir letztendlich egal ist. Ich schreibe ihm, nicht weil ich seine Tat besonders toll finde, oder weniger schlimm als andere. Sondern weil ich die Todesstrafe in jeder Form ablehne und mich zunächst nur der Mensch hinter diesem Schicksal interessiert, nicht die Tat.

Abgesehen von all den Themen, über die wir diskutieren, fallen immer wieder Sätze, die mich erstauen und nachdenklich machen. Ich werde diese Seite jetzt bald beenden, ohne ein für mich wirklich befriedigendes textliches Ende gefunden zu haben. Aber ich möchte die Seite gerne mit einigen von Michaels Sätzen ausklingen lassen. Als Zeichen und als Erinnerung, dass die meisten der zum Tode verurteilten Personen Straftäter sind. Aber auch als Straftäter immer Menschen bleiben werden, Menschen, die wir respektieren sollten, so wie wir uns den Respekt jedes Einzelnen wünschen, der uns irgendwann irgendwo gegenüber stehen wird.

Eine typisch amerikanische Frage, über die ich sehr schmunzeln musste:

„Let me ask you why is the Black Forest called that? Is it due to dense trees? That is where Porsche cars grow from the ground, right?”

Für Michael als Person und das Leben im Todestrakt an sich eine sehr typische Aussage:

„You know I have been accused  of being too happy. It is just my personality. I would rather laugh with the liberals than cryout with the conservatives. Sometimes it is difficult not to absorb all the negativity here. So little news is good, yet somehow the sun always does rise again.”

Ein Satz, der keines Kommentars bedarf:

„Bush lives in a cloud of delusion and we pay the price.“

Ein Satz über die Bedeutung unserer Briefe:

„I can speak all day long about this place but you offer a chance for me to mentally leave these walls behind which I appreciate.“
 

Was 2007 passiert ist: die Freundschaft zu Michael wächst und gedeiht. Doch dann der Super-GAU. Michael verzichtet auf alle Rechtsmittel und beantragt seine Hinrichtung. Und sowas passiert mir? Natürlich war ich darüber nicht glücklich - aber als Freund muss ich seine Entscheidung akzeptieren. Natürlich habe ich ihm meinen Zwiespalt deutlich gemacht. Den er durchaus verstehen kann.

Nach einigen Wochen wurde eine psychologische Untersuchung angesetzt, diese ist Voraussetzung für die Ansetzung eines Hinrichtungstermins. Nachdem das alles problemlos abgelaufen war, wurde eine Verhandlung in Dallas angesetzt. Hierfür wurde Michael nach Dallas gebracht. Eine Aktion, die sich über vier Tage hinzog und an deren Ende drei Hinrichtungstermine festgesetzt wurden - 2 für Dezember 07, einer für Januar 08. Damit war also klar - eine Freundschaft auf Zeit wird enden. Irgendwie ein mulmiges Gefühl, auch wenn es von vorne herein klar war, dass dieser Tag kommen würde - oder kommen könnte.

Oktober 07 - die Ereignisse überschlagen sich. Nachdem der Supreme Court eine Klage angenommen hat, werden landesweit alle Hinrichtungen mit der Giftspritze gestoppt. Geklagt hatte ein zum Tode verurteilter Gefangener. Nach seinen Angaben sind die Schmerzmittel, die mit verabreicht werden, zu schwach, so dass die Hinrichtung gegen die US-Verfassung verstösst. Der Supreme Court hat diese Klage angenommen, so dass es nun, zwar noch nicht formal, aber doch so gut wie sicher zu einem bundesweiten Moratorium kommt. Auf alle Fälle wurden mehrere Hinrichtungen in den letzten Wochen kurzfristig vom Supreme Court gestoppt.

Letzte Woche erreicht mich nun ein Brief von Michael. Er war sehr betrübt, innerlich hin und her gerissen. Der Staatsanwalt sieht von einer Ansetzung der Hinrichtung ab, da er keine Chance für eine Vollstreckung zum derzeitigen Zeitpunkt sieht. Michael selber rechnet mit einem neuen Termin frühestens in 1,5 bis 2 Jahren. Ihr könnt euch vorstellen, welch Freude ich empfunden habe, als ich seine Zeilen gelesen habe, die Entwicklungen drüben mit verfolgt habe. Wir haben das kostbarste geschenkt bekommen - Zeit.

Update Mitte Dezember 07 - erneut ist Post von Michael gekommen. Viele Seiten voller Lebensfreude, voller Humor und Zuversicht. So wie ich den “alten” Michael kannte. Der Staatsanwalt hat ihm klar gesagt, ihn unter keinen Umständen in absehbarer Zeit hinzurichten - er sieht hierfür keinerlei Chancen, solange der Prozess vor dem US Supreme Court nicht abgeschlossen ist. Michael selber hat die Situation akzeptiert und nimmt jeden weiteren Tag als ein “Geschenk Gottes”, wie er schreibt. Ich hoffe, er kriegt noch viele Geschenke.

Gleichzeitig ist in den Nachrichten zu hören, dass es wohl nun tatsächlich in der UNO zu einem Antrag auf ein weltweites Moratorium kommt. Das würde bedeuten, dass die UNO formal beschliesst, alle Mitgliedsstaaten aufzufordern, von der Vollstreckung der Todesstrafe abzusehen. Dies ist natürlich völkerrechtlich nicht bindend, aber eine gewichtige Empfehlung. Da Ziel des Antrages nicht die weltweite Abschaffung sondern nur das Moratorium ist, werden die Chancen derzeit für sehr gut erachtet. Natürlich ist das nicht unser Ziel - aber ein gewichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Bleibt abzuwarten, was in den USA passiert, was der Supreme Court entscheidet, was passiert, wenn Bush aus dem Amt scheidet. Und was die UNO entscheidet. Wie heisst es so schön - die Hoffnung stirbt zu letzt. Und das ist gut so.

Update Frühjahr 2008: der US-Supreme Court lässt die Hinrichtungen mit der Giftspritze als verfassungskonform weiter zu.

08.05.08 - schon seit einiger Zeit warte ich auf eine Antwort auf meinen letzten Brief. Seit der Entscheidung des Supreme Court kam keine Post mehr von Michael. Ein Umstand, der mich das schlimmste befürchten lässt. Und in der Tat, wie ich heute Abend erfahren habe, hat Michael direkt einen Hinrichtungstermin beantragt, der nun von den Behörden auf den 14.08. festgelegt wurde. Scheint, ich habe bald einen Brieffreund weniger. Natürlich wusste ich, dass ich damit rechnen muss - aber irgendwie bin ich immer noch sprachlos. Mal sehen, was in den nächsten 14 Wochen passieren wird. (Wird fortgesetzt).

13.05.08 - endlich ist wieder ein Brief von Michael eingetroffen. Obwohl er sein “Ziel” erreicht hat - lange hat er um einen Termin gekämpft - wirkt er irgendwie bedrückt. Er zeigt sich überrascht, wie schnell er nun einen Termin bekommen hat. Am schwersten fällt es ihm, nun seinen Freunden, seiner Familie zu sagen, dass es nun endlich definitiv so weit ist. Eine Reaktion, die mich ein bisschen gewundert hat.

(Die Geschichte von Michael wird auf der Seite  Sterben  fortgesetzt)

 

 

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