Sterben
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Mein Brieffreund Michael hat sich entschlossen, auf alle weiteren Rechtsmittel zu verzichten und hat bei den Behörden um seine baldige Hinrichtung gebeten. Um die nachfolgenden Zeilen richtig einzuordnen, hier seine Vorgeschichte.
Michael sass bereits wegen Totschlags an seiner Frau im Gefängnis, als er zusammen mit 6 Mitgefangenen ausgebrochen ist. Auf der wochenlangen Flucht haben sie u.a. einen Laden ausgeraubt, bei dem ein Polizist getötet wurde. Für diesen Mord wurde Michael unter dem sog. “Law of parties” zum Tode verurteilt. Hier nun zwei Auszüge aus seinem letzten Brief:

“Holzi, ich bin schuldig. Ich habe auf den Polizisten geschossen, aber ich habe ihn nicht getroffen. Ich kann subjektiv sein und scheinbar plausible Gründe anführen, aber letzen Endes waren meine Handlungen falsch. Ich glaube, das ist meine persönliche Lösung, um Verantwortung zu übernehmen, um eine aufrichtige Entschuldigung zum Ausdruck zu bringen und in Würde mein Leben zu beenden.

Ich habe Gott als einen liebenden, vergebenden Gott kennen gelernt. Jetzt habe ich realisiert, dass ich eine tiefe Schuld zu bezahlen habe. Ich habe die Chance bekommen, mein Leben im Gefängnis weiterzuleben, ich hätte nur die Entscheidung treffen müssen, nicht auszubrechen.

Die unerwarteten Konsequenzen, die plötzlich aufgetaucht sind, sind immer noch real. Ich kann auch jeden verstehen, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt. Ich habe eine Brieffreundin in Dallas, sie ist ebenfalls in (der Rest des Satzes ist unleserlich). Sie hat bereits zwei Mal Krebs gehabt. Auch sie kann nicht verstehen, warum ich meine Entscheidung so getroffen habe.”

“Holzi, ich schätze Deine aufrichtigen Worte und fühle die Freundschaft in Deinen Worten. Ich geniesse es sehr, Deine Briefe zu erhalten und zu sehen, wie zwei fremde Menschen Ideen teilen und sich dabei gegenseitig respektieren. Leider werde ich meine Meinung wohl nicht ändern.

Holzi, das Gefängnis kann einen Menschen zum schlimmsten verändern. Ich sehe einige gute Seiten darin, hier zu sein. Aber ich sehe auch die schlechten Charakterzüge, die in Menschen hier zum Vorschein kommen. Um es zu verdeutlichen. Kannst Du dir jemanden vorstellen, der die Einsamkeit hasst, und der auf einer einsamen tropischen Insel ausgesetzt wird, auf der er nur sich selbst als „Begleitung“ hat? Wunderschöne Natur, klare Sandstrände – aber niemand, mit dem er dies teilen kann.

Nun, ich bin in etwa ein solcher Typ. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, jedoch hier muss ich unsozial sein, weil das Gefängnis so wenig Freude bietet, die man teilen kann. Die wenigsten Menschen wissen wirklich zu schätzen, was es heisst, einen Sonnenaufgang oder einen klaren Nachthimmel zu erleben. Oder einfach glücklich zu sein. Ich bin bereit zu gehen, Holzi. Nicht weil mich meine Familie oder meine Freunde ablehnen. Nein, im Gegenteil, wo ich von nun an leben werde, ist es mir, Michael, nicht erlaubt, Michael zu sein. Ich hoffe, dies leuchtet Dir ein und Du verstehst, was ich meine. Ich schätze Deine Freundschaft sehr. Mach Dir keine Gedanken über mich. Es geht mir gut und ich tue alles, um mich auf die Ewigkeit vorzubereiten. Gott schütze Dich, Holzi. Ich danke Dir, dass Du mir Freude, Anerkennung und Freundschaft entgegenbringst.”

Hier endet Michaels letzter Brief. Was nun kommen wird, was in den nächsten Monaten passiert - ich weiss es nicht. Natürlich werde ich diese Freundschaft bis zum letzten Moment fortsetzen. Das bin ich Michael, das bin ich mir, schuldig. Auch wenn ich seine Entscheidung nicht verstehen kann - ich muss sie akzeptieren. Für mich die Basis einer jeden Freundschaft. Natürlich werde ich hier weiter berichten - was auch immer passieren mag.

Nun, heute ist der 14. Juli 2008 – Nationalfeiertag in Frankreich. Für mich ab heute noch ein Monat, bis ich einen Freund verlieren werde. Gewiss, es ist ein angekündigter Verlust. Aber macht ihn das besser?

Je näher der Termin rückt, umso mehr nagt es in mir. Je öfter ich gefragt werde, wie ich damit umgehe oder ob es mich belastet – umso mehr grübele ich darüber nach. Natürlich, ich weiß dass es sein Wunsch ist, ich weiß, dass er im Gefängnis zu Gott gefunden hat und dass es ihm im Moment offensichtlich recht gut damit geht.

Er will sterben und ich sollte seinen Wunsch respektieren.

Ändern kann ich es sowieso nicht. Und trotzdem – in über 2 Jahren ist mir Michael als echter Freund ans Herz gewachsen. Ich weiss, in gut vier Wochen wird ein Staat meinen Freund töten – im Namen der Justiz. Als „gerechte“ Strafe. Welch Ironie.

Natürlich ist mir klar – er sitzt nicht wegen Falschparken im Todestrakt. Aber zählt das in einer Freundschaft? Macht es die Todesstrafe richtiger? Nein. Und mich macht es wütend. Das Gefühl, zu wissen dass es nicht richtig ist, zu wissen, trotzdem nichts dagegen zu tun können.

Nun, ich habe schon vielen Menschen hier einen Briefkontakt in den Todestrakt vermittelt. Und sie stets darauf hingewiesen, sie sollen sich darüber im klaren sein, dass genau DIESE Situation auf sie zukommen kann. Das wissen – eines Tages ist da niemand mehr. Das Wissen, dass da irgendwann keine Briefe mehr kommen. Briefe voller Freude und Zuversicht, in einer Situation, die “normale” Menschen wahrscheinlich durchdrehen lässt.

Aber egal. Ich bin jetzt seit 1986 Mitglied von Amnesty und engagiere mich seitdem gegen die Todesstrafe. Und weiß heute mehr denn je – es ist richtig, es ist dringend nötig, etwas zu tun.

Noch ist es ein Monat – aber trotzdem habe ich mich im letzten Brief verabschiedet. Weiß ich, ob die Zeit reicht, um weitere Briefe hin- und herzuschicken? Ob Michael noch alle Post erreicht? Mir war der Abschied wichtig – und lieber noch einen weiteren Brief hinter- herschicken, als den richtigen Zeitpunkt zu verpassen.

Jetzt bleibt mir nur abzuwarten, bis es rum ist. Oder was noch passiert. Ein Monat ist eine lange Zeit, da kann viel passieren. Vielleicht kommt noch ein Brief. Und dann? Keine Ahnung. Ob ich wieder eine neue Brieffreundschaft beginne? Ich glaube schon. Aber wohl nicht sofort und direkt. Michael würde wahrscheinlich aufmunternd lächeln und sagen „Klar, schreib dem nächsten. Wir brauchen Eure Briefe, wir sind froh über jede Zeile die uns von draußen erreicht.“ Leicht gesagt.

Mal sehen was die Zeit bringt. To be continued....möglicherweise....

Update: ein Tag später - und schon ist ein Brief da. Michael klingt gelöst, fast schon glücklich, dass das Ende naht. Vor anderthalb Wochen war seine Mutter da. Sie und seine Lieblingstante werden nach seiner Einäscherung einen kleinen Gottesdienst halten. Gemeinsam haben sie eine Urne ausgesucht. Aus Holz. Denn nach all der Zeit hinter Beton und Gittern sollte die Urne nicht aus Metall sein. Damit hat er seinen woh letzten Brief beendet. Damit und einigen persönlichen Zeilen, die dann doch persönlich bleiben.

Die letzten Worte.....15. August 2008. Heute Nacht ist “es passiert”, Michael wurde hingerichtet. Auch wenn manche ihm seine Entscheidung verübeln, die Aufgabe, der freiwillige Tod, die “Sabotage” unserer Arbeit gegen die Todesstrafe, das Schuldeingeständnis, das automatisch auch seine Mitangeklagten belastet - für mich geht ein Freund. Mein Dank an dieser Stelle für all Euren Zuspruch in den letzten Monaten, Wochen, Tagen....und nachfolgend nun Michael letztes Worte, wie sie heute veröffentlicht wurden.

Final moments

At 6:02, Mr. Rodriguez was led to the execution chamber.

"May I speak now?" he asked.

"No, not yet," a prison official answered.

He was strapped to the gurney, and then his executioners pierced his arms with the needles, first the left, then the right. At 6:10, he began his final words.

"I know this in no way makes up for all the pain and suffering I gave you," he began. "I am so, so sorry."

He looked directly at Ms. Dalmolin and Ms. Hawkins-Acosta.

"My punishment is nothing compared to the pain and sorrow I have caused. ... I am not strong enough to ask for forgiveness because I don't know if I am worthy," he continued. "I ask the Lord to please forgive me. I have gained nothing, but just brought sorrow and pain to these wonderful people."

He kept apologizing, calling the families by name. He thanked a couple, Irene and Jack, for "helping me find Christ's love." His words turned to song.

"My Jesus, my Savior, there is none like you," he sang softly. "All of my days I want to praise, let every breath. Shout to the Lord, let us sing ...."

His song trailed off and turned to a sound like snoring.  It was 6:13, and his lethal dose had begun. He was pronounced dead at 6:20. They pulled a white sheet over his face.

The Associated Press contributed to this report.

 

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